Dienstag, 2. Januar 2018

In eigener Sache

Gut drei Monate ist es her, dass ich hier zuletzt etwas veröffentlicht habe. Neben gutem Geschäft war es vor allem ein privates Thema, das meine Zeit in Anspruch nahm: Meine Eltern. Vielleicht geben Ihnen meine Gedanken einen Impuls, sich schon bald sich mit den Themen Pflege(kasse), Seniorenheim oder betreutes Wohnen zu beschäftigen und das gefühlt unangenehme Gespräch zum letzten Lebensabschnitt Ihrer Eltern zu führen.




Meine Eltern werden dieses Jahr 90. Wenn mein Vater nicht vor 3 Jahren schwer gestürzt wäre - seit dem ist er ziemlich immobil - würde ich sie immer noch als rüstige Rentner bezeichnen. Gott sei Dank nicht dement, hin und wieder ein wenig tüddelig, aber immer noch am Zeitgeschehen und den Ereignissen der 'jungen' Familie sehr interessiert. Und der festen Meinung, dass sie noch nicht wirklich zu den Alten gehören, es somit auch keinen Grund gibt, die eigene Wohnung zu verlassen. Dabei haben auch ihre eigenen Eltern irgendwann nicht ohne fremde Hilfe auskommen können und somit die letzten Jahre im Altenheim verbracht: Glücklicher Weise nicht im Pflegebereich sondern im 1-Zimmer-Appartement. Aber darauf angesprochen, warum sie aus der Erfahrung mit den eigenen Eltern für sich nicht die richtigen Schlüsse gezogen haben, kommt als Antwort: 'Wer denkt denn an so 'was ...'

Also brauchte es - wie so oft beim Thema 'Veränderung' - Leidensdruck, um sich letztendlich doch zu bewegen. Ende September stürzte mein Vater wieder, mit der Folge, dass er seit dem das Haus nicht mehr verlassen hat. Für Arztbesuche beauftrage ich einen Krankendienst, der ihn in einem Krankenstuhl aus dem 2. Stock zur Straße bringt: Weiter geht es mal mit dem Fahrdienst, mal mit mir. Nun haben sie endlich eingesehen, dass das Leben in ihrem häuslichen Gefängnis keinerlei wirkliche Qualität mehr hat, dass meine Mutter als bisher alleinige Pflegekraft den Anforderungen nicht mehr nachkommen kann. Glücklicher Weise stand ich auf einer Warteliste unserer örtlichen Seniorenresidenz, so dass ich in kurzer Zeit eine schöne, Barriere freie Wohnung anmieten konnte. Jede Pflegeleistung, die die Kräfte meiner Mutter übersteigt, kann bei Bedarf hinzugebucht werden. Am 19. Januar 2018 wird umgezogen.




Das liest sich einfach, ist es in der Umsetzung aber leider nicht. Neben einem intensivem Engagement von Kindern und Enkelkindern sind zum Teil auch ganz erhebliche finanzielle Anstrengungen notwendig. Positiv überraschend dabei die Möglichkeiten der Pflegekasse in Abhängigkeit zum Pflegegrad. Haben Sie sich damit schon mal beschäftigt? Kennen Sie die Möglichkeiten der Betreuungsunterstützung, der Verhinderungespflege oder die Abstufungen der Pflegegrade? Für mich bisher auch ein Buch mit 7 Siegeln. Und immer wieder ein Angang, sich damit im Detail auseinanderzusetzen. Weil man fortwährend den Amtsschimmel wiehern hört und weil es Zeit braucht; Zeit, die man meistens nicht hat, wenn Leidensdruck das Handeln bestimmt.

Also fangen Sie rechtzeitig an, mit Ihren Eltern über mögliche, noch selbstbestimmte Optionen zu sprechen. Zeigen Sie ihnen die negativen und noch stärker die positiven Konsequenzen auf. Beschäftigen Sie sich selbst mit der Thematik, lassen Sie sich von Ihren Eltern eine Vollmacht zur Vertretung bei der Krankenkasse geben und nutzen Sie deren Kompetenz für die eigene Weiterbildung. Und gehen sie vor allem davon aus, dass Menschen in fortgeschrittenem Alter alles wollen, nur keine Veränderung. Selbst der Tagesablauf, den wir als Routine empfinden, ist für sie zum unveränderlichen Ritual geworden. Rational haben meine Eltern verstanden, dass Sie sich verändern müssen, das Herz aber weint jeden Tag. Das macht mir die Sache nicht einfacher.

Ich wünsche Ihnen zum neuen Jahr viel Kraft und Energie für alle Aufgaben, die sich Ihnen in den Weg legen oder die Sie mit Vorsatz angehen möchten.

Herzlichst
Ihr
Carsten Bollmann